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Den Rennstrecken dieser Welt und der Jagd
nach Rundenzeiten haben die beiden in weiser Selbsterkenntnis längst den
Rücken gekehrt. Sie haben den Zug der Zeit erkannt und lassen es ganz
entspannt damit bewenden, den Alltag mit all seinen Herausforderungen zu
meistern: den Stadtbummel, die sonntägliche Spritztour, die eine oder andere
ausgedehnte touristische Unternehmung. Und das zu wahrhaft volkstümlichen
Beförderungstarifen - knapp 12000 Mark kostet die Suzuki, noch einmal 1500
Mark weniger die Kawasaki. Natürlich gibt es über die beträchtliche
Preisdifferenz hinaus weitere und einschneidende Unterschiede.
Unübersehbar verkörpern diese Motorräder ganz individuelle Ansätze zum Thema
Vergangenheitsbewältigung. Die Suzuki macht unverhohlen auf moderne Zeiten,
versucht, sich mit neuer, rundlicher Oberbekleidung und aufgefrischtem
Fahrwerk der Last der Jahre zu entledigen. Anders die Kawasaki. Sie bekennt
sich zu ihren Ursprüngen, hält auf der ganzen Linie unverdrossen am Stil der
achtziger Jahre fest und bietet damit die Gelegenheit, Motorradhistorie
detailgetreu am Originalschauplatz zu erleben. Wer bereit ist, sich auf die
Zeitreise à la GPX einzulassen, sieht zunächst einmal schwarz: Gabelbrücke,
Lenkerhälften, Zifferblätter - alles hüllt sich ins tiefe Dunkel der
Geschichte. Gleichwohl bedarf es keinerlei seherischer Fähigkeiten, sich
zurechtzufinden, denn ungeachtet der altbackenen Anmutung ist das
Kontrollinstrumentarium funktionell voll auf der Höhe der Zeit. Was man von
der Sitzposition nur mit Einschränkungen behaupten kann. Während die
flächigen Flanken des schmalen Tanks, die günstig gekröpften Lenkerenden und
die ausgeformte Sitzkuhle knieaufwärts für eine lockere, dezent sportliche
Haltung sorgen, bringen die hoch und relativ weit vorn plazierten Rasten
knieabwärts Krampf ins Spiel.
Gar nichts zu lachen gibt`s auf den hinteren Rängen: zu wenig Überlebensraum
auf kantiger Sitzfläche. Ist halt ein kleines, kompaktes Maschinchen, die
GPX. Das Mut zur Größe in Sachen Personenbeförderung von Vorteil ist,
beweist die Suzuki. Unter dem Oberbegriff „verhaltene Sportlichkeit“ bietet
die GSX dank besserer Entfaltungsmöglichkeiten vorn wie hinten ein
entscheidendes Plus an Langstreckentauglichkeit. Auch zur Erhaltung
geistiger Frische ist die Suzuki besser gerüstet, gelingt es ihr doch im
Cockpitbereich, Funktionalität und appetitliche Ansichten unter einen Hut zu
bekommen. Alte Hüte - jeweils vier Stück - bilden das motorische Fundament
bei GPX und GSX.
Wobei alt keineswegs mit rückständig gleichzusetzen ist - immerhin setzen
beide auf ungebrochen zeitgemäße Vierventiltechnik, und immerhin lieferten
sie zu ihren Glanzzeiten 85 respektive 86 PS ans Getriebe. Das die
Personalpapiere der Suzuki mittlerweile nur noch 80, die der Kawasaki gar
nur mehr 73 PS ausweisen, ist kein Zeichen von Altersschwäche, sondern die
Konsequenz restriktiver gewordener Emissionsvorschriften. Alte Schwächen
zeigt der Kawasaki-Vierzylinder freilich in puncto Kaltstartverhalten:
Zuviel Choke, und er schnalzt nach ein paar Gedenksekunden unvermittelt in
ungesunde Drehzahlregionen, zuwenig Choke, und er stellt beim Gasgeben mit
einem kleinen Bäuerchen die Arbeit ein. Auch die Suzuki glänzt nach dem
Anlassen nicht mit spontaner Arbeitsbereitschaft, läßt sich per Starthilfe
aber kontrollierter bei Laune halten. Die Vierzylinder bei Laune - sprich:
auf Drehzahl - halten, ist auch im Fahrbetrieb die Devise. Zwar akzeptieren
beide Motoren klaglos niedrigste Drehzahlen, doch Freude und Fahrdynamik
kommen erst in der zweiten Hälfte des Leistungsspektrums auf. Energischer
Umgang mit Gasgriff und Schalthebel gestaltet sich bei der Kawasaki dank
spontaner Gasannahme, ordentlicher mechanischer Laufkultur und sauber
flutschender Gänge einerseits sehr erfreulich, andererseits nervt der Motor
bei schnellem Auf und Zu der Vergaser-Drosselklappen immer wieder mit
heftigen Lastwechselreaktionen. Das Suzuki-Triebwerk verkneift sich solche
Unarten, läuft aber hier und da ein wenig rauher als das Kawa-Pendant,
außerdem will ihr Getriebe mit mehr Nachdruck betätigt werden. 73 PS gegen
80 PS - diese Leistungsdifferenz scheint der GPX in der Auseinandersetzung
mit der GSX in Sachen Fahrdynamik schlechte Karten in die Hand zu geben.
Doch wie sagt das Kanzlerwort: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Und
das ist bei der Kawasaki - ihrem Leistungsrückstand zum Trotz - eine ganze
Menge.
Ob Topspeed, Beschleunigung oder Durchzug aus niedrigen Drehzahlen - die GPX
marschiert nicht nur stramm, sie geht durch die Bank ebenso gut wie die
nominell potentere GSX, hat hier und da sogar die Nase ein wenig vorn. Wer
eine Waage hat zum Wiegen und Augen zum Sehen, kommt in diesem Zusammenhang
zu zwei Schlußfolgerungen. Erstens kann die Kawasaki ihre zierliche Anmutung
durch einen erklecklichen Gewichtsvorteil von rund 20 Kilogramm untermauern
- das hilft ihr beim Beschleunigen buchstäblich auf die Sprünge. Zweitens
schiebt sie ein Quentchen weniger Frontfläche durch den Wind, und sie tut
dies ungeachtet - oder wegen - ihrer Ecken und Kanten effektiver als die
korpulentere, rundlichere Suzuki. Die spielt dafür im
Luft-Verdrängungswettbewerb eine andere Trumpfkarte aus: Ihre Verkleidung
stanzt eine größeres Loch in die Atmosphäre, bietet mehr Schutz vor den
Elementen als das knapp geschnittene Kawa-Kleidchen. Auch in Sachen
Fahrwerk übt sich die GPX in Beschränkung. Auf kleinen, zurückhaltend
bereiften und auf knappem Abstand rollenden16-Zoll-Ballonrädern wirkt sie im
Vergleich zur GSX, die mittlerweile auf standesgemäß großem 17-Zoll-Fuß und
respektablem Radstand lebt, geradezu spielzeughaft. Was heißt „wirkt“ - die
Kawa fährt auch so. Kinderleicht und blitzschnell lässt sich die Kleine in
Schräglage bringen, um sich am Kurvenausgang ebenso mühelos zum aufrechten
Gang überreden zu lassen.
Trotz ihrer exemplarischen Handlichkeit spielt die GPX nicht die launische
Diva, wenn sich Störimpulse ihres Fahrwerks zu bemächtigen versuchen. Ob auf
holprigem Untergrund oder beim Bremsen in der Kurve - die Maschine zieht
weitgehend ungerührt die vorgegebene Bahn. Allenfalls in schnell gefahrenen,
langgezogenen Kurven mit welligem Belag kann es vorkommen, dass die GPX mit
wippendem Heck leichte Kursunreinheiten zeigt, ein Phänomen, das sich mit
richtiger Dämpfungseinstellung am Zentralfederbein - mindestens Stufe drei -
einigermaßen in den Griff bekommen lässt. Auch die Suzuki - nach modernen
Maßstäben ebenfalls nicht übertrieben breit bereift - macht auf verschlungen
Pfaden viel Freude. Sie lässt sich beim Schräglagenwechsel ein wenig mehr
bitten, bietet dafür ein kleines Plus an Zielgenauigkeit und
Spurstabilität. Beim Kapitel Bremsen liefern sich beide Maschinen wiederum
ein Kopf-an-Kopf-Rennen - leider eine Auseinandersetzung, die sich in der
zweiten Liga abspielt. Obwohl mit jeweils zwei Scheiben und
Doppelkolbensätteln technisch gut gerüstet, können sie im Kampf gegen die
Trägheitskräfte keine Überzeugungsarbeit leisten: Hier wie dort hapert es an
Dosierbarkeit, fehlt es am Biss, der für wohlkontrolliertes, hartes
Verzögern nötig wäre - schade. Schade auch, dass beide 600er in Sachen
Fahrkomfort wenig zu bieten haben. Stuckernde Gabeln, die über kleine
Unebenheiten achtlos hinweghoppeln, und unnachgiebige Hinterradaufhängungen
trüben auf drittklassigen Nebenstraßen den Fahrspaß auf der Suzuki und - im
noch stärkerem Maß - auf der Kawasaki. Ungetrübt bleibt auf längere Sicht
dagegen die Einschätzung, mit der einen wie mit der anderen Maschine ein
Schnäppchen gemacht zu haben: Für den Preis von rund fünf Liter Sprit auf
100 Kilometer bei flotter Überlandfahrt bieten GPX und GSX eine Menge Spaß
an der Freud. Wenn so etwas unter Alterserscheinungen läuft - bitte sehr.
Yamaha YZF 600 R: die Alternative?
Ist die Thundercat die bessere, weil
modernere Wahl?
Die YZF ist das wohl
tourentauglichste Sport-Motorrad auf Gottes Erdboden.“ Dieses Zitat aus dem
600er Supersportvergleich in MOTORRAD 2/1997 gilt auch ein gutes Jahr später
uneinschränkt. So kann die Thundercat im direkten Vergleich mit Kawasaki
GPX 600 R und Suzuki GSX 600 F dann auch eine ganze Reihe von Trümpfen aus
dem Ärmel ziehen. Die Yamaha hat eine deutlich komfortablere
Fahrwerksabstimmung, um Welten bessere Bremsen und liefert - was Wunder bei
rund 20 Mehr-PS - erheblich bessere Fahrleistungen. Was davon im richtigen
Leben übrigbleibt, ist eine andere Geschichte: Auf unbekannten, verwinkelten
Straßen bei vom Selbsterhaltungstrieb geprägten Tempo ist der Vorteil der
YZF denkbar gering, und selbst auf halbwegs belebter Autobahn gelingt es ihr
nicht, die „minderbemittelten“ Verfolger dauerhaft abzuschütteln. Dennoch
spricht einiges für die moderne 600er: Ihre souveräneren Leistungs- und
Fahrwerksreserven, die sie bei verschärfter Gangart dann doch davonfliegen
lassen, und ihre Überlegenheit in der technisch-künstlerischen Darbietung,
die schon einen Gang ums Motorrad zum freudigen Ereignis werden lässt.
Fazit
2. Platz
Kawasaki
Alter vor Schönheit - mit diesem
Motto fährt die GPX 600 R gar nicht schlecht. Ihr Vierzylinder sorgt
ungeachtet seiner vergleichsweise bescheidenen Leistungsausbeute für
standesgemäße Fahrdynamik, trotz vermeintlich altertümlichen
Fahrwerk-Layouts ist die Maschine ein gleichermaßen agiler wie spurstabiler
Kurvenflitzer mit hohem Spaßfaktor. Einige Defizite bei Fahrkomfort, Bremsen
sowie Alltags- und Soziustauglichkeit trüben allerdings den guten
Gesamteindruck.
1. Platz
Suzuki
Wer vieles bringt, wird manchem
etwas bringen - mit dieser Devise rollt die GSX 600 F auf die Siegerstraße.
Ohne irgendwo spektakuläre Glanzlichter setzen zu können, ohne ihren
Leistungsvorteil ausspielen zu können, gelingt es ihr gleichwohl, in allen
Bewertungskategorien respektable Darbietungen zu liefern und ein breites
Einsatzspektrum überzeugend abzudecken - daran ändern auch die etwas flauen
Bremsen und der eingeschränkte Federungskomfort nichts. |